“Blow Horn!” Ein Plädoyer für die Hupe Posted on August 5th
Ich befinde mich gerade in Indien, New Delhi und habe inzwischen mehrere Kurzreisen (sechs Stunden und mehr pro Fahrt in eine Richtung) mit dem Auto nach Agra, Chandigarh und Shimla hinter mir. Dieses ist meine erste Indienreise und wer schon mal in Indien war, dem werden mit Sicherheit die anarchistischen Zustände im Straßenverkehr aufgefallen sein. Der Autoverkehr in Indien kennt keine Regeln, beide Straßenseiten werden in allen befahrbaren Richtungen gebraucht und als Verkehrsteilnehmer weist sich alles aus, was zwei oder mehr Räder hat, zwei oder mehr Beine besitzt, sich bewegt oder auf der Straße stillsteht. Hinzu kommen Hindernisse, wie etwa Straßenschäden oder auch heilige Kühe, die in allen Lebenssituationen unbedingte Vorrechte genießen und davon auch Gebrauch machen.
Die Fahrzeuge in Indien sind aufwendig und pompös gestaltet, sie stechen ins Auge durch ihre Farbenpracht und ihren ausgefallenen Schmuck auf - kurz: sind “gepimpt” mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Meist sind sie von Hand bemalt und mit einer Vielzahl von lustigen Sprüchen und Anmerkungen versehen und man liest vor allem eines auf allen Lastfahrzeugen: “Blow Horn!” Der Gebrauch der Hupe in Indien ist in keiner Weise vergleichbar mit dem in anderen Ländern, die ich bisher besucht habe. In der Regel wird die Hupe vor allem in Gefahrensituationen benutzt oder als Ausdruck purer Aggression gegen andere Verkehrsteilnehmer, in gewissen Ländern ist der übermäßige Gebrauch sogar strafbar. Nicht so in Indien: Hier ist das Hupen ein Mittel zur Kommunikation auf vielen Ebenen, das Vokabular ist so reichhaltig wie der Schmuck der Vehikel und auf eine magische Art und Weise werden die übermittelten Nachrichten meistens verstanden. Die Auslegung der Kommunikationsregeln, die in Rhythmus und Dynamik kodiert sind, scheint hier so frei zu sein, wie die Auslegung der Verkehrsregeln im Allgemeinen. Man könnte auch sagen, dass am laufenden Band Gebrauch von der Hupe gemacht wird. Der Informationsgehalt reicht von: “Fahr schon, ich lass Dich vorbei.”, “Ich überhole immer noch!”, “Ich fahre gerade frontal auf Dich zu.”, bis zu einem einfachen: “Hallo.”. Damit will ich es an Beispielen belassen, aber es sei jedem Leser versichert, dass die Variationen an Botschaften so reichhaltig sein können, wie Schmuck und Bemalung der Fahrzeuge. Die Klangfarben der Hupen sind ebenso vielfältig, es gibt gestaltete und ungestaltete Huptöne, einige Hupen geben klaren Aufschluss über den Autotyp, einige Hupen wiederum geben deutliche Informationen über den Zustand des Vehikels. Man kann sich dennoch eines sicher sein: Egal ob das Auto gerade noch so fährt oder nicht mehr dazu in der Lage ist, die Hupe funktioniert unbedingt! Sollte man also die Gemeinsamkeit im Straßenverkehr Indiens suchen, dann ist es der nahezu ständige Gebrauch der Hupe.
Nun stellt sich die Frage ob und wie diese Tradition im Straßenverkehr innerhalb Europas (z.B.) zum Vorteil genutzt werden könnte. Ohne Frage ermöglicht das akustische Signal der Hupe eine relativ klare Ortung, ohne dass dabei die visuelle Aufmerksamkeit von dem Geschehen auf der Strasse vor dem Auto abgelenkt wird. Diese Ortung funktioniert dank unseres ausgefeilten Hörapparates sehr gut in allen horizontalen Richtungen und besonders gut in einem Feld von 180° (und mehr) vor uns. Warum also nicht öfter einmal die Hupe verwenden? Diese Frage lässt sich relativ leicht durch die daraus entstehende Lärmbelastung für alle anderen Verkehrsteilnehmer und umliegenden Anwohner klären. Abgesehen davon ist der Straßenverkehr in Europa wohl auch tendenziell besser geregelt und es besteht kaum Anlass die Hupe zu verwenden, oder doch?
Ich werde diese Hupen bei meiner Rückkehr vermissen. Ich habe mich innerhalb von nur sechs Tagen auf den Straßen Indiens an sie gewöhnt und sie schätzen gelernt. Autofahren werde ich in Zukunft als weniger kommunikativ empfinden und es wäre in den restlichen Ländern der Welt eventuell im Interesse der Autofahrer diese Kommunikationsmethode technisch weiter zu entwickeln, um den Straßenverkehr eine weitere soziale Komponente zu bereichern, ohne das dabei die aktiven und passiven Teilnehmer zu Schaden kommen. Also sehr geehrte Autoindustrie: Blow Horn!
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